Was ist Praxiserfolg?

Nähert man sich für die Zahnärzteschaft einer sinnvollen Begriffsdefinition, sollte zwischen einem allgemeinen, wissenschaftlich basierten, und der persönlichen Interpretation des Begriffs unterschieden werden. Beide Wege sind sowohl fundiert als auch richtig; der rein wissenschaftliche führt jedoch in die Irre.

Das “ökonomische Prizinzip” fordert in der Betriebswirtschaftslehre formal, mit einem gegebenen Input den größtmöglichen Output zu erreichen, wie auch, identisch aber reziprok zu verwenden: einen gegebenen Output mit einem möglichst geringen Input. Hierbei bezieht sich der Terminus “Input” auf das zur Verfügung Stellen der Produktionsfaktoren (menschliche Arbeitskraft, Betriebsmittel und Werkstoffe und dem dispositiven Faktor = Management). Mit “Output” bezeichnet man den Ausstoß an Waren und / oder Dienstleistungen.

Die Theorie geht davon aus, dass ökonomisch völlig gleich denkende Menschen völlig gleichartige Güter und Dienstleistungen nachfragen und dass alle Unternehmen die identischen Marktbedingungen haben. Unter diesen, ich will sie einmal provozierend “Reinraum-Bedingungen” nennen, wäre Praxiserfolg und dessen Wert eindeutig bestimm- und damit auch kategorisierbar. Aber Hand auf´s Herz: kann und darf das auf die Zahnarztpraxis zutreffen? Mitnichten, denn: Grau ist alle Theorie!

Ein wirtschafts-philosophischer Diskurs, was für die Praxis “Output” bedeutet, führt auch nicht weiter. Denn für die eine bedeutet “Erfolg” die Anzahl gelöster Patientenprobleme, ohne diese abrechnungstechnisch zu quantifizieren. Für eine andere Pravis sind es die schlichten Zahlen Umsatz ./. Kosten = Gewinn. Für eine dritte Kategorie sind es besonders interessante Patientenfälle, die als Grundlage für wissenschaftliche Veröffentlichungen dienen. Dem Variantenreichtum sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Aber was bedeutet nun Praxis-”erfolg”? Die Antwort ist genauso simpel wie naheliegend: Das Erreichen bzw. Überschreiten der persönlichen Mindestumsatzkalkulation auf der Basis einer individuellen Zeit- und “Komfortbasis”.

Hierbei müssen zunächst die Praxiskosten erwirtschaftet werden.

Bei der Kostenart “Personal” greift zum ersten Mal der Terminus “persönliche Komfortbasis”, denn die/der eine BehandlerIn kommt mit weniger ZFA aus, während die/der andere z.B. immer ganz gerne 2 ZFA im Zimmer und die Rezeption mit einer Verwaltungsassistentin, nur für die Abrechnung, und einer Patientenmanagerin nur für Patientenbelange und das Telefon haben möchte. Ein nächstes Mal greift die “Komfortbasis”, wenn es um die Größe und die Ausstattung der Praxis geht; Stichworte wie DVT versus OPG, Mikroskop versus Lupenbrille sollen hier nur Beispiele sein. Auch hier sind den Varianten bekanntlich keinerlei Grenzen gesetzt.

Hinzu kommt der unmittelbare und mittelbare Aufwand für die Praxis.

Zu allererst erscheint sinnvoll, die Zahlenkolonne um den Posten “potenzielle Regresse” zu erweitern. Ratsam ist ebenfalls eine Position “Eigenkapital für zukünftige Investitionen”. Diese Position verhindert für die Zukunft, dass für jede Investition ein Kredit in 100%iger Höhe aufgenommen werden muss und stärkt somit die Position bei den Bankverhandlungen. In diesen Bereich fallen ebenfalls die Tilgungen; ob als laufende bei Annuitäten oder Tilgungsverrechnungsdarlehen oder in Form von Beiträgen zu Tilgungslebensversicherungen. Wichtig: Aufwand sind zwar Zahlungen, die geleistet werden müssen. Allerdings ist Aufwand nicht steuerrelevant. Das bedeutet, dass ein Betrag “Aufwand + Steuer” erwirtschaftet werden muss, der nach Abzug der Steuern die Zahlungen sicherstellt.

Dem Praxisaufwand folgen dann die Aufwendungen für die private Lebensführung.

Wegen der unterschiedlichen Steuerrelevanz von Kosten und Aufwand wird nun in einem iterativen Verfahren der Mindestumsatz berechnet, der auch die zu zahlenden Steuern mit einbezieht. Wegen der Komplexität der Berechnung ist es ratsam, sich hier fachkundigen Rat einzuholen. Versierte und auf die Betreuung von Freiberuflern spezialisierte Steuerberater verfügen über ein solches Werkzeug.

In einem letzten wichtigen Schritt ist die finanzielle Familiensituation zu berücksichtigen.

So ist es nicht selten, dass der Ehepartner ebenfalls einen Beruf ausübt, damit Geld verdient und auch Steuern zahlt. Denn was zum Familieneinkommen beiträgt, braucht in der Praxis nicht mehr erwirtschaftet zu werden. Im Zusammenhang führen Überlegungen zur allgemeinen Familiensituation zur Notwendigkeit einer Revision der Mindestumsatzkalkulation; Stichworte hier z.B. die Planung von Nachwuchs, die grundsätzliche Veränderung des Berufsstatus des Ehepartners, oder gar die “Änderung des Familienstatus”. Diese Änderungen können mit einem solchen Instrument natürlich auch ex ante als Szenarioberechnungen angestellt werden und können somit eine wichtige Entscheidungshilfe sein.

Nachdem nun in diesem iterativen Verfahren der nominale Mindestumsatz für die Praxis errechnet wurde, greift in dem eigentlich wichtigsten Schritt wieder der Terminus “Komfort”, wenn es gilt, festzulegen, wieviel Arbeitszeit in die Praxis investiert werden soll. Denn ob 1.000 oder 1.500 Behandlungsstunden per annum investiert werden sollen, führt logischerweise zu erheblich unterschiedlichen Stundensätzen. Ebenfalls muss der Umsatz vom persönlichen Mindestumsatz abgezogen werden, der durch das Team erwirtschaftet wird.

Und genau an diesem Punkt schließt sich dann der Kreis zu der, aus unserer Sicht, korrekten Begriffsdefinition “Praxiserfolg”. Wie bereits erwähnt ist eine Praxis erfolgreich, wenn dieser Mindestumsatz zumindest erreicht, wenn nicht sogar überschritten wird.

Nota bene: Aus diesem ganz pragmatischen Ansatz heraus wird es schier unmöglich zu bewerten, welche Praxis tatsächlich erfolgreicher ist; vielleicht macht die andere Praxis € 30.000.- p.a. mehr Gewinn, muss aus diesem aber € 20.000.- mehr Tilgung und € 10.000.- mehr Steuern zahlen!

Praxiserfolg ist so unterschiedlich wie die Menschen und deren individuelle persönliche Situation! Eine Vergleichbarkeit kann also nur über die Abweichung vom individuellen Mindestumsatz erreicht werden.

Und für die Fans des “Praxiserfolgs-Benchmarkings” nur über die BWA-Zahlen (Umsatz – Kosten = Gewinn) sei hier noch dieser sehr interessante Artikel erwähnt. Womöglich gehen dann einige von Ihnen ab morgen wieder besser gelaunt in die Praxis.